Der US-Trend: Malbücher zur mentalen Deeskalation

Die Buch-Bestsellerlisten der USA und Great Britain verraten derzeit einen neuen Trend: Malbücher für Erwachsene. Gärten, Fashion, Stars – alles wird aktuell bunt angemalt. Ziel dabei ist die absolute mentale Entspannung. Yoga für den Kopf, statt Verrenkungen im Fitnessstudio. Auch in Deutschland wird das Ausmalen jenseits des Kindergartenalters gerade modern. Betajungle hat es getestet. Ob die Wirkung wirklich eingetreten ist?

Manchmal fragt man sich ja schon, wie genau es zu solchen Trends kommt. Nachdem in letzter Zeit eher der Food-Bereich sehr dynamisch die Trends angab und sich immer mehr als Veganer oder Steinzeitköche probierten, wird Deutschland nun kreativ. Alle malen plötzlich wieder. Aber nicht irgendwie, sondern geführt durch spezielle Malbücher für Erwachsene. Eigentlich eine schöne Entwicklung für alle, die schon als Kind gerne gemalt haben oder in denen schon immer ein kleiner Picasso schlummerte. Der Vorteil: der aktuelle Ausmaltrend wertet nicht. Es geht nicht darum selbstständig schöne Bilder zu fabrizieren, diese auszustellen oder wie damals den Verwandten zum Geburtstag zu schenken. Man malt nur noch ganz für sich. Ohne Zielsetzung, einfach als Entspannung. Die Tatsache, dass man sich weder ein Motiv überlegen, noch dieses selbst zeichnen muss, nimmt dabei den Druck „besonders schön“ mal zu müssen. Die Ausmalbücher geben alles vor, das angemalt werden muss, es kann also nichts mehr schief gehen.

Einzig für ein Malbuch muss man sich vorab entscheiden und da bietet der Markt plötzlich viel. Fashion-Bücher, bei denen man den Figuren Outfits zeichnet und diese zum Teil ergänzen kann, Reiseführer, die neben den Sightseeing-Highlights zum Bepinseln auch Tipps für den perfekten Urlaub in der jeweiligen Stadt geben, die Frauenzeitschrift Maxi hat in ihrer August-Ausgabe sogar ein eigenes Starlight-Malbuch angefügt, um dem Trend gerecht zu werden. Der derzeitige Marktführer sind jedoch die „Zauberhaften Gärten“, die man für circa 15 Euro kaufen kann. Johanna Basford hat darin 20 Gartenmotive zum Ausmalen gesammelt, von Blumen über Garten-Labyrinthe und Vogelscheuchen. Und wie es sich für ein Malbuch gehört, ist es – außer etwas Gold auf dem Cover – komplett in schwarz-weiß gehalten. Das Ausmalen beginnt also bereits beim Umschlag des Buches. Damit das Gehirn beim meditativen Ausmalen nicht komplett abschaltet, hat die Autorin mehrere Figuren wie Katzen, Würmer oder Schnecken in dem Buch versteckt, die beim Malen gefunden werden sollen.

Hier ein paar Eindrücke von den „Zauberhaften Gärten“ in der schwedischen Version:

Ausmalformale aus "Zauberhafte Gärten"
Ausmalformale aus „Zauberhafte Gärten“

Nun zum Anwendungstest: Nachdem ich das Malbuch für Erwachsene in einem Design-Laden in Malmö stolz erstanden hatte, musste zunächst das Buntstift-Reportoire aufgestockt werden. Außer Kugelschreibern, Textmarkern und im Höchstfall einem Füller kam in den letzten Jahren nicht mehr viel zum Einsatz. Ich muss zugeben, dass ich noch lieber eins der Fashion- oder Paris-Bücher ausgemalt hätte, aber die habe ich bislang nur online gefunden. Für Bestellen und Warten war mein Tatendrang schon zu sehr geweckt. Also ran an die Stifte, die Gärten brauchen in dem Fall nicht Wasser sondern Farbe.

Ich bin war sehr gespannt, ob sich die versprochene meditative Wirkung wirklich einstellt und Ausmalen tatsächlich ein Yoga für den Kopf ist. Aber stattdessen musste ich mich erstmal zwischen den 50 Ausmalseiten plus, Cover, etc. entscheiden. Nichts für Menschen mit Entscheidungsschwierigkeiten. Ich entschied mich für den Uhu im Baum und merkte hier erst wirklich wie groß diese Seiten sind, die ich jetzt ausmalen sollte. Noch völlig euphorisch wurden die ersten Blätter angemalt, sogar mit der festen Absicht jedes Detail mit einer anderen Farbe zu versehen. Wenn schon, dann auch schön.

Die ersten Reaktionen meiner Mitreisenden am Kopenhagener Flughafen waren dabei äußerst interessant: der ältere Herr neben mir guckte etwas skeptisch, was die Jungend da wieder treibt, während das kleine Mädchen gegenüber auch unbedingt ein Malbuch wollte. Man fällt zumindest auf. Erwachsene mit Stiften scheinen wirklich nicht mehr zum Alltag zu gehören.

Im Flieger ging die Malerei dann weiter. Ich habe wirklich unterschätzt wie lange das dauert – definitiv länger als die klassische Yoga-Stunde. Aber zumindest ein gewisses Abschalten war vorhanden, denn die Aufforderung des Board-Personals zum Start den Tisch hochzuklappen überhörte ich in meinem Ausmalfieber völlig. Nach 20min, einer gefühlten Ewigkeit, hatte ich endlich den Vogel ausgemalt. Plus drei Blätter, yeah. Mein Vorhaben mich jedem Detail einzeln zu widmen war schnell begraben, es dauerte einfach zu lange. Twitter bestätigt mir unter dem Hashtag #ausmalbücherfürerwachsene, dass auch andere stundenlang damit beschäftigt sind die richtigen Farben für Blumen und Käfer auszusuchen. Zum Teil wird von ganzen Nachtschichten berichtet, die erforderlich waren, um ein Bild zu vervollständigen.

Insgesamt fühlte es sich ein Bisschen wie im Job an: man kann die Dinge erledigen oder man kann es ordentlich machen. Dann braucht es meistens etwas länger und benötigt mehr mentale Aufmerksamkeit. Immerhin soll farblich ja auch schön alles zusammen passen, wenn ein Blatttyp einmal gelb war, sollten bitteschön auch alle anderen dieser Sorte gelb werden. Suchen, Finden, Malen. Wenn man es zu ernst nimmt, können die zwei Ausmalseiten einen wirklich vor eine Herausforderung stellen. Bei all den Entscheidungen verdrängt das Gehirn sicherlich größere Fragestellungen, aber beschäftigt ist es ganz gut. Vielleicht deshalb eine gute Methode für gestresste Manager zum Relaxen: mit einem Erwachsenenmalbuch kann man sich stundenlang auch mal mit anderen Dingen beschäftigen als mit dem Job, politischen Katastrophen oder der noch zu bändigenden Wäsche.

Mein erstes Ausmalbild seit dem Kindergarten
Mein erstes Ausmalbild seit dem Kindergarten

Außerdem glaube ich, dass sich hier die Ausmal-Leihen von den Profis abheben. Oder schlicht diejenigen, die zwar dabei Entspannen wollen, aber auch ein ansehnliches Ergebnis erzielen möchten, von den richtigen Kopf-Yogis. Vermutlich sollte man einfach drauf los malen, ohne Farbkonzept und alles. Das nehme ich mir vielleicht für meinen zweiten Malbuchversuch vor. Den Vogel male ich auf jeden Fall noch fertig, aber erstmal muss ich mich vom Kopf-Yoga erholen. Vielleicht bei einer Yoga-Stunde im Fitnessstudio. 😉

Solange wünsche ich allen anderen, die es ausprobieren möchten, viel Spaß beim Kreativ werden! Und freue mich über Feedback, wie es bei euch mit der mentalen Deeskalation geklappt hat.

P.S. Drei Malsessions hat es gebraucht bis zumindest die eine Hälfte der Doppelseite fertig war. Etwas stolz bin ich jetzt schon auf mein Werk. Entspannt..? Nun ja zumindest auf eine Sache konzentriert. Aber dafür tut jetzt auch etwas die rechte Hand weh. Ich bleibe dabei, einfach mal ausprobieren und Lust weiterzumalen hab ich erstaunlicherweise schon noch entwickelt. 🙂

Fertiges 1. Ausmalbild
Fertiges 1. Ausmalbild

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